Richtlinien zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis im Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Präambel

Alle wissenschaftlichen Institutionen sind aufgefordert, im Rahmen ihrer eigenen Verantwortlichkeiten die Wissenschaft und sich selbst vor Fälschungen zu schützen und gegen Missbrauch und Manipulation wissenschaftlicher Ergebnisse vorzugehen.

Die Verpflichtung zur Einhaltung von Regeln guter wissenschaftlicher Praxis ist auch ein Förderkriterium der DFG. Die nachfolgenden Regelungen basieren auf den „Vorschlägen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ der Kommission „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ der DFG sowie dem „Grundsatzbeschluss zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer (2002). Alle wissenschaftlichen Mitglieder[*] des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München (ZI) werden auf die Einhaltung dieser Regeln verpflichtet. Beim Abschluss künftiger Arbeitsverträge mit akademischen Mitarbeitern werden diese auf die Verpflichtung zur Einhaltung der Regeln hingewiesen.

[*] Alle Amts- und Funktionsbezeichnungen gelten in gleicher Weise für Frauen und Männer

Abschnitt I

Regeln guter wissenschaftlicher Praxis

§ 1 Gute wissenschaftliche Praxis

(1) Gute wissenschaftliche Praxis bedeutet, methodisch zu arbeiten und sich stets nach dem neuesten Erkenntnisstand zu richten. Sie erfordert Kenntnis und Verwertung des aktuellen Schrifttums, die Anwendung angemessener Methoden und Erkenntnisse.

(2) Gute wissenschaftliche Praxis zeichnet sich aus durch Zweifel und Selbstkritik, durch kritische Auseinandersetzung mit den erzielten Erkenntnissen und deren Kontrolle, etwa durch wechselseitige Überprüfung innerhalb einer Arbeitsgruppe, aber auch durch Redlichkeit gegenüber den Beiträgen von Kollegen, Mitarbeitern, Konkurrenten, Vorgängern.

(3) Sorgfältige Qualitätssicherung ist ein wichtiges Wesensmerkmal wissenschaftlicher Redlichkeit. Sie ist – neben der Redlichkeit gegenüber sich selbst – Grundlage für wissenschaftliche Professionalität. Sie wird auch gewährleistet durch die (kritische) Zusammenarbeit in wissenschaftlichen Arbeitsgruppen und durch klare Verantwortungsstrukturen.

(4) Zur Sicherung der Qualität wissenschaftlichen Arbeitens gehören weiter Dokumentation und Sicherung aller Primärdaten, das Gewährleisten der Reproduzierbarkeit vor der Veröffentlichung ebenso wie die Schaffung von Zugangsmöglichkeiten für berechtigte Dritte.

(5) Ein wesentlicher Aspekt guter wissenschaftlicher Praxis ist die Verantwortung bei (Mit-) Autorenschaft. Gemeinsam zeichnende Autoren wissenschaftlicher Veröffentlichungen sind gemeinsam verantwortlich für deren Inhalte. Der Autor ist rechenschaftspflichtig, identifiziert sich mit dem wissenschaftlichen Ergebnis und übernimmt die Gewähr für den Inhalt der Veröffentlichung.

§ 2 Organisationsstrukturen

Die Qualitätssicherung der am ZI durchgeführten wissenschaftlichen Arbeiten obliegt allen mit wissenschaftlichen Aufgaben befassten Mitgliedern des ZI. Die Leitung, Aufsicht und Konfliktregelung stehen unter der Verantwortung der Direktion. Sie stellt durch geeignete Anordnungen unter Beachtung der in Art. 5 Abs. 3 GG verankerten Wissenschaftsfreiheit sicher, dass im Rahmen der innerhalb von Forschungsprojekten des ZI wahrgenommenen Tätigkeiten

  • die Ziele der wissenschaftlichen Arbeiten und Aufgaben des einzelnen Wissenschaftlers festgelegt, definiert und verteilt werden,
  • jedem Mitarbeiter seine Zuständigkeiten (Rechte und Pflichten) klar zugewiesen sind,
  • regelmäßige Kontrollen der Einhaltung von Zielvorgaben durchgeführt werden,
  • die angemessene Betreuung und Beratung jüngerer Wissenschaftler sichergestellt ist.

§ 3 Daten

Es sind von den verantwortlichen Leitern klare Vorgaben und Regeln über die Art und Weise der Aufzeichnung und Datendokumentation zu treffen. Primärdaten sind zu sichern und zehn Jahre lang aufzubewahren.

§ 4 Nachwuchsförderung

Bei der fachlichen Förderung/Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist sicherzustellen, dass die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis vermittelt werden und auf deren Einhaltung besonderes Augenmerk gelegt wird.

§ 5 Bewertungskriterien

Bei der Aufstellung von Leistungs- und Bewertungskriterien ist zu beachten, dass Originalität und Qualität stets Vorrang vor Quantität haben. Produktivität kann nur in Verbindung mit Qualitätsindikatoren gesehen werden.

§ 6 Autorenschaft

Als Autoren einer wissenschaftlichen Originalveröffentlichung sollen diejenigen – aber auch nur diejenigen – genannt werden, die zur Konzeption der Studien, zur Erarbeitung, Analyse und Interpretation der Daten und zur Formulierung des Manuskripts selbst wesentlich beigetragen haben, seiner Veröffentlichung zugestimmt haben und damit die Verantwortung für die Veröffentlichung mittragen.

§ 7 Veröffentlichungen

(1) Wissenschaftliche Veröffentlichungen müssen die Ergebnisse und die angewendeten Methoden vollständig und nachvollziehbar deutlich machen.

(2) Befunde, welche die Hypothesen und Auffassungen der Autoren stützen, ebenso wie Befunde, welche den Hypothesen und Auffassungen der Autoren widersprechen, sollen unter Berücksichtigung der Art und Weise der Veröffentlichung gleichermaßen mitgeteilt werden.

§ 8 Ombudsmann

(1) Zur Schlichtung oder Bereinigung von Streitigkeiten oder Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit guter wissenschaftlicher Praxis, die nicht bereits den Vorwurf eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens enthalten, wird von der Direktion des ZI eine Vertrauensperson bestellt.

(2) Die Vertrauensperson soll aus dem Kreis der Wissenschaftler des ZI stammen, in Ausnahmefällen kann auch ein nicht dem ZI angehörender Wissenschaftler bestellt werden. Leitende Wissenschaftler des ZI (Direktion, Abteilungsleiter) können nicht zum Ombudsmann bestellt werden.

(3) Die Amtszeit beträgt 3 Jahre, eine erneute Bestellung ist zulässig. Die Vertrauensperson übt ihr Amt ehrenamtlich, unabhängig und frei von Weisungen aus. Sie soll bei der Ausübung des Amtes von allen Beteiligten unterstützt werden.

(4) Vorschlagsberechtigt sind alle zur Gruppe der Wissenschaftler des ZI gehörenden Mitglieder des ZI. Ein Vorschlag wird nur dann berücksichtigt, wenn der Vorgeschlagene die Bereitschaft zur Übernahme des Amtes erklärt hat.

Abschnitt II

Verfahren zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten

§ 9 Wissenschaftliches Fehlverhalten

(1) Wissenschaftliches Fehlverhalten liegt vor, wenn in einem wissenschaftserheblichen Zusammenhang bewusst oder grob fahrlässig Falschangaben gemacht werden, geistiges Eigentum anderer verletzt oder deren Forschungstätigkeit beeinträchtigt wird.

(2) Als Fehlverhalten ist insbesondere anzusehen:

1. Falschangaben

  1. das Erfinden von Daten
  2. das Verfälschen von Daten, durch Auswählen und Zurückweisen unerwünschter Ergebnisse, ohne dies offenzulegen, durch Manipulation einer Darstellung oder Abbildung
  3. unrichtige Angaben in einem Bewerbungsschreiben oder einem Förderantrag (einschließlich Falschangaben zum Publikationsorgan und zu in Druck befindlichen Veröffentlichungen).

2. Beseitigung von Primärdaten, soweit hierdurch gegen gesetzliche Bestimmungen oder sonstige anerkannte Grundsätze wissenschaftlicher Arbeit verstoßen wird.

3. Verletzung geistigen Eigentums in bezug auf ein von einem anderen geschaffenes Urheber rechtlich geschütztes Werk oder von anderen stammenden wesentlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, Hypothesen, Lehren oder Forschungsansätzen

  1. die unbefugte Verwertung unter Anmaßung der Autorenschaft (Plagiat)
  2. die Ausbeutung von Forschungsansätzen und Ideen, insbesondere als Gutachter (Ideendiebstahl) c) die Anmaßung oder unbegründete Annahme wissenschaftlicher Autoren- oder Mitautorenschaft
  3. die Verfälschung des Inhalts oder
  4. die unbefugte Veröffentlichung und unbefugte Zugänglichmachung gegenüber Dritten, solange das Werk, die Erkenntnis, die Hypothese, die Lehre oder der Forschungsansatz noch nicht veröffentlicht ist
  5. die Inanspruchnahme der (Mit-)Autorenschaft eines anderen ohne dessen Einverständnis

4. Beeinträchtigung der Forschungstätigkeit anderer durch

  1. die Sabotage von Forschungstätigkeit
  2. die grob fehlerhafte, bewusst falsche oder irreführende gutachterliche Bewertung der Forschungstätigkeit anderer und die Erstellung von Gefälligkeitsgutachten.

(3) Eine Mitverantwortung bei wissenschaftlichem Fehlverhalten kann sich u.a. ergeben aus

  • aktiver Beteiligung am Fehlverhalten anderer
  • Mitwissen um Fälschungen durch andere
  • Mitautorenschaft an fälschungsbehafteten Veröffentlichungen
  • grober Vernachlässigung der Aufsichtspflicht.

    § 10 Einleitung des Verfahrens

    (1) Die Überwachung der Einhaltung der Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis obliegt der Ethik-Kommission des ZI, sofern durch dieses Regelwerk keine abweichende Zuständigkeit begründet wird. Der Ethik-Kommission des ZI gehören drei Wissenschaftler des ZI an. Diese werden, nachdem sie sich zur Übernahme dieses Amtes bereit erklärt haben, durch die Direktion des ZI für die Dauer von drei Jahren bestellt, eine erneute Bestellung ist zulässig. Sie üben ihr Amt ehrenamtlich, unabhängig und frei von Weisungen aus. Sie sollen bei der Ausübung ihres Amtes von allen Beteiligten unterstützt werden. Der Ombudsmann ist geborenes Mitglied der Ethik-Kommission, sofern er nicht selbst vom Verfahren betroffen ist.

    (2) Bei konkreten Verdachtsmomenten für wissenschaftliches Fehlverhalten ist die Ethik-Kommission des ZI zu informieren.

    (3) Ist ein Mitglied der Ethik-Kommission des ZI vom Verdacht des Fehlverhaltens betroffen, so ist dieses von der Mitwirkung in der Ethik-Kommission des ZI ausgeschlossen.

    (4) Die Tatsachen, auf denen der geäußerte Verdacht beruht, sind zu ermitteln. Die genaue Feststellung des Geschehens soll unverzüglich erfolgen. Die Ermittlungen werden von der Ethik-Kommission des ZI veranlasst und durchgeführt. Sie sind unter genauer Beachtung der Vertraulichkeit und des Schutzes aller Betroffenen zu führen.

    (5) Dem vom Verdacht des Fehlverhaltens Betroffenen soll spätestens eine Woche nach Bekanntwerden des Verdachtes Gelegenheit zur Stellungnahme unter Nennung der belastenden Tatsachen und Beweismittel gegeben werden. Die Frist hierfür soll nicht mehr als eine Woche betragen.

    (6) Nach Eingang der Stellungnahme des Betroffenen oder nach Verstreichen der Frist trifft die Ethik-Kommission des ZI innerhalb der Frist von einer Woche eine Entscheidung darüber, ob die bisherigen Feststellungen den Verdacht auf ein Fehlverhalten entkräftet haben oder ein Fehlverhalten als erwiesen anzusehen ist. Die Entscheidung ist schriftlich in einem Vermerk niederzulegen.

    (7) Hält die Ethik-Kommission des ZI ein Fehlverhalten für nicht erwiesen, so stellt sie das Verfahren ein. Hält sie ein Fehlverhalten für erwiesen, so legt sie das Ergebnis ihrer Untersuchungen der Direktion des ZI vor.

    § 11 Erwiesenes Fehlverhalten

    (1) Ist ein wissenschaftliches Fehlverhalten als erwiesen anzusehen, so haben die jeweils zuständigen Organe nach pflichtgemäßem Ermessen über die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen zu entscheiden.

    (2) Je nach den Umständen des Einzelfalles und insbesondere der Schwere des festgestellten Fehlverhaltens sind Sanktionen aus den verschiedensten Rechtsgebieten, gegebenenfalls auch kumulativ möglich, z.B.

    1. Arbeitsrechtliche Konsequenzen - Abmahnung - Außerordentliche Kündigung - Vertragsauflösung
    2. Zivilrechtliche Konsequenzen - Erteilung von Hausverbot - Herausgabeansprüche gegen den Betroffenen, etwa auf Herausgabe von entwendetem wissenschaftlichen Material - Beseitigungs- und Unterlassungsansprüche aus Urheberrecht und Persönlichkeitsrecht - Rückforderungsansprüche, etwa von Stipendien oder Drittmitteln - Schadensersatzansprüche durch das ZI oder Dritte
    3. Strafrechtliche Konsequenzen
    4. Widerruf von wissenschaftlichen Publikationen

    (3) Wissenschaftliche Publikationen, die aufgrund erwiesenen wissenschaftlichen Fehlverhaltens fehlerbehaftet sind, sind zurückzuziehen, soweit sie noch unveröffentlicht sind, und richtig zu stellen, soweit sie bereits veröffentlicht sind (Widerruf). Kooperationspartner sind – soweit erforderlich – in geeigneter Form zu informieren. Grundsätzlich sind dazu der/die Autor/en und beteiligte Herausgeber verpflichtet; werden diese in angemessener Zeit nicht tätig, leitet die Direktion des ZI die ihr möglichen geeigneten Maßnahmen ein.

    (4) Bei Fällen gravierenden wissenschaftlichen Fehlverhaltens unterrichtet ggf. das ZI andere betroffene Forschungseinrichtungen und Forschungsorganisationen.

    (5) Die Direktion des ZI kann zum Schutz Dritter, zur Wahrung des Vertrauens in die wissenschaftliche Redlichkeit, zur Wiederherstellung des wissenschaftlichen Rufes des ZI, zur Verhinderung von Folgeschäden wie im allgemeinen öffentlichen Interesse verpflichtet sein, betroffene Dritte und die Öffentlichkeit zu informieren.

    § 12 Inkrafttreten

    Die „Regeln zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis am ZI und Verfahren zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten“ treten mit der Bekanntgabe durch die Direktion des ZI in Kraft.

    München, den 1. Juli 2003

    Prof. Dr. Wolf Tegethoff
    Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München

     

    Weiterführender externer Link: Ombudsman für die Wissenschaft