Karnatz: Die Nibelungen und ihre Bilder. Zur pikturalen Rezeption und Transformation des Nibelungenlieds im 19. und 20. Jahrhundert

Projektbeschreibung

Kaum eine Dichtung des Mittelalters hat in den letzten zwei Jahrhunderten eine vergleichbare Rezeption erfahren wie das wohl um 1200 in Passau entstandene Nibelungenlied. Der komplexe Stoff um Liebe, Mord und Rache wurde seit seiner Wiederentdeckung im späten 18. Jahrhundert zum Ausgangspunkt einer vielgestaltigen pikturalen Rezeptionsgeschichte, die u.a. mit den Namen Peter Cornelius, Julius Schnorr von Carolsfeld, Fritz Lang, Ernst Barlach und Anselm Kiefer verknüpft ist. Die Beschreibung der Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Medien – visuelle Medien und Literatur – ist Aufgabe dieser motivgeschichtlich orientierten kunsthistorischen Forschungsarbeit.

Anhand ausgewählter Bildanalysen soll die spezifische Entwicklung des Nibelungenstoffes hin zu einem festen Bestandteil der deutschen Mythologie – mit all ihren Brüchen und Aporien – aufgezeigt werden. Dass sich diese Arbeit notwendigerweise interdisziplinär an den Schnittstellen von Kunst- und Literaturwissenschaft bewegt, versteht sich von selbst. Desweiteren müssen aber auch medienwissenschaftliche, musikhistorische – Richard Wagners mythologische Aneignung der Nibelungen bleibt sicherlich die wirkungsmächtigste Bearbeitung des 19. Jahrhunderts – und kulturwissenschaftliche Untersuchungen mit in das Projekt einbezogen werden, das sich dem Thema methodisch offen und in exemplarischen Einzelanalysen nähern will.

Eine derartige Arbeit, die methodisch nicht zuletzt auf den ästhetischen Mnemosyne-Paradigmen Aby Warburgs und den Theoremen rund um den Begriff des kulturellen Gedächtnisses fußt, ist ohne Zweifel ein Desiderat der kunsthistorischen Forschung. Dass eine derartige Aufarbeitung bislang weitestgehend fehlt, scheint nicht zuletzt der schwierigen ideologischen Aufladung des Themas zuzuschreiben zu sein.

Über die motivgeschichtliche Untersuchung hinaus bietet das Thema vielfältige Anknüpfungspunkte an den vor allem in der literaturwissenschaftlichen und kunsthistorischen Mediävistik geführten Forschungsdiskurs zum Thema Illustration bzw. Bild-Text-Relation. Die historisch fundierte Besprechung von Kontinuität und Wandel der visuellen Umsetzung eines literarischen Textes verspricht hier weitere Einsichten in einen komplexen polyvalenten medialen Zusammenhang, der nicht auf die Stufe einer banalen Textabhängigkeit der Illustration reduziert werden kann. Es kann hier im Gegenteil gezeigt werden, wie die künstlerische Rezeption eines mittelalterlichen Textes zur produktiven – in diesem Fall gesellschaftlich verheerenden – Umdeutung seiner Semantik führt.

Kontakt

Prof. Dr. Iris Lauterbach

Projektmitarbeiter ZI

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