ZI-Bibliothek erhält Exemplar von Sebastiano Serlio, Cinque libri d’architettura (1551), mit eigenhändigen Anmerkungen von Vincenzo Scamozzi

Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat bei einem Pariser Antiquariat ein von Vincenzo Scamozzi eigenhändig annotiertes Exemplar der ersten Gesamtausgabe (Venedig 1551) von Sebastiano Serlios Büchern zur Architektur erworben und der Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.


Bei der ersten, 1551 in Venedig publizierten Gesamtausgabe von Sebastiano Serlios (1475-1554) Libri d’architettura mit eigenhändigen, italienischsprachigen Annotationen von Vincenzo Scamozzi (1548-1616) handelt sich um eines der ganz wenigen überkommenen annotierten Bücher aus dem Besitz des auch für seine breite Gelehrsamkeit bekannten Palladio-Nachfolgers Vincenzo Scamozzi.

Bereits die Literatur des 18. Jahrhunderts bezeugt von Scamozzi postillierte Bücher, doch bislang waren nur vier erhaltene Exemplare bekannt, darunter die 1997 bei Christie’s versteigerte dreibändige Giuntinische Vasari-Ausgabe von 1568 aus der Bibliothek Giannalisa Feltrinelli. Das in einem anscheinend aus dem 18. Jahrhundert stammenden Pergamenteinband vorliegende Exemplar ist einem notdürftig getilgten handschriftlichen Exlibris gemäß im Besitz des französischen Malers Charles-Alphonse Dufresnoy (1611-1668) gewesen, der 1634-54 in Italien weilte und es von dort nach Frankreich mitgebracht haben könnte.

Die Postillen in der Serlio-Ausgabe von 1551 können nach Hubertus Günther um 1579 datiert werden und stehen somit in zeitlicher Nähe sowohl zu Scamozzis „Discorsi sopra l’antichità di Roma“ (1582) als auch zu dem auf Vorarbeiten seines Vaters Giandomenico Scamozzi aufbauenden, erstmals der Serlio-Ausgabe Venedig 1584 beigegebenen „Indice copiosissimo“.

Die in brauner Tinte mit der Feder geschriebenen Anmerkungen konzentrieren sich im dritten, vorwiegend der antiken Architektur gewidmeten Buch. Einigen Postillen befinden sich auch im vierten Buch, das die Säulenordnungen behandelt. Es handelt sich einerseits um in kleiner Kursivschrift verfasste Marginalien mit Textkommentaren, andererseits um eher kalligraphisch geschriebene Zusätze, meist zu den Tafeln, namentlich Maßstäbe sowie weitere Maßangaben. Bei einer offensichtlich zusammen mit dem überkommenen Einband vorgenommenen Beschneidung des Buchblocks wurden die über den Rand hinausgehenden Marginalien und Tafelpartien mit wenigen Ausnahmen bewahrt und umgeklappt, so dass sie nun teilweise wie angesetzte Zusatzzettel wirken. Einige der Randnotizen scheinen von einer zweiten Hand zu stammen.

Serlios überaus einflussreiche Bücher zur Architektur haben eine auch infolge seines Aufenthaltes in Frankreich komplizierte Editionsgeschichte. Am weitesten verbreitet und am vollständigsten war letztlich die Ausgabe Venedig 1619. Das sechste Buch, den Wohnbau behandelnd, blieb jedoch bis 1966 unveröffentlicht. Eine der beiden Manuskriptfassungen befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Cod. icon. 189), ebenso wie das Manuskript „Della castrametatione di Polibio“ (Cod. icon. 190).

Die Akquisition bereichert die umfangreiche Sammlung des Zentralinstituts für Kunstgeschichte an Architekturtraktaten, die u.a. auch die Vitruv-Kollektion aus der Bibliothek Bodo Ebhardt umfasst. Es handelt sich um eine bislang offensichtlich unbekannt gebliebene kunsthistorische Quelle ersten Ranges. Sie  vermittelt einen ungewöhnlich direkten Einblick in die Arbeitsweise und das Denken eines humanistischen Architekten und Architekturtheoretikers.

Das ZI hat dieses Werk Serlios mitsamt den Postillen Scamozzis digitalisiert und stellt es auf diese Weise der spezialisierten Forschung ohne die für das Original leider notwendigen Konsultationseinschränkungen zur Verfügung.

>> Zum Digitalisat des Werkes (ZI-Signatur: CA 255/505 Rarissima)

Sebastiano Serlio, Bücher zur Architektur
Sebastiano Serlio, Bücher zur Architektur (Venedig 1551), aus dem Besitz Vincenzo Scamozzis, mit eigenhändigen Anmerkungen, S. CXLIIII

Bibliographische Beschreibung:

Il ... libro d'architettura / Sebastiano Serlio
Venetia : Cornelio Nicolini da Sabbio, 1551
48, 78, 76, 18 Bll.

1. Il primo libro d'architettura
2. Il secondo libro di perspettiva / di Sebastian Serlio Bolognese
3. Il terzo libro di Sabastiano Serlio Bolognese, nel qual si figurano e descrivono le antiquita di Roma, e le altre che sono in Italia, e fuori d'Italia. 2. ed.
4. Regole generali di architettura di Sabastiano Serlio Bolognese sopra le cinque maniere de gli edifici, cioe, thoscano, dorico, ionico, corinthio, e composito, con gli essempi de l'antiquita, che perla maggior parte concordano con la dottrina di Vitruvio. 3. ed.
5. Quinto libro d'architettura di Sabastiano Serlio Bolognese, nel quale si tratta di diverse forme de tempii sacri secondo il costume christiano, & al modo antico.

Exemplar aus dem Besitz Vicenzo Scamozzis mit handschriftlichen Anmerkungen. Band 1-5 in einem Pergamenteinband des 18. Jahrhunderts zusammengebunden
ZI-Signatur: CA 255/505 Rarissima

Literatur:

  • Nadia Munari, s.v. Scamozzi. – In : The Dictionary of Art. London: Grove, 1996, Bd. 28, S. 29-33
  • Sebastiano Serlio on architecture / eds. Vaughan Hart & Peter Hicks. 2 Bde. - New Haven, London: Yale University Press, 1996, 2001
  • Werner Oechslin: Premessa a una nuova lettura dell’Idea della Architettura Universale di Scamozzi. – In: L'idea della architettura universale / di Vincenzo Scamozzi. Pref. di Franco Barbieri, testo di Werner Oechslin.Nachdr. der Ausg. Venezia 1615. - Vicenza : Centro Internazionale di Studi di Architettura Andrea Palladio, 1997 (Testi e fonti per la storia dell'architettura ; 2), Bd. 1, S. XI-XXXVI, bes. S. XXI-XXIV
  • Lucia Collavo: L'esemplare dell'edizione giuntina de "Le Vite" di Giorgio Vasari letto e annotato da Vincenzo Scamozzi - In: Saggi e memorie di storia dell'arte, 29.2005 (2007), S. 1-213
  • Vincenzo Scamozzi: Lektüren eines gelehrten Architekten.
    (RIHA Journal, Special Issue, November 2012).
    [Beiträge des Kolloquiums aus Anlass einer Erwerbung für die Bibliothek des Zentralinstituts für Kunstgeschichte am 10. Juni 2011 von Margaret Daly Davis, Hubertus Günther, Rüdiger Hoyer und Werner Oechslin]
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