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Call for Contributions // Deutsch-koloniale Baukulturen. Eine globale Architekturgeschichte in 100 visuellen Primärquellen

Katalog-Publikation und Ausstellungsprojekt der TU München in Kooperation mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte

Kontext
Eine kritische Architekturgeschichte der deutschen Kolonialzeit (ca. 1880-1920) ist bis heute nicht geschrieben worden. Zu diesem Desiderat gehört der Befund, dass auch kolonial-zeitlich publizierte Primärquellen zum Thema Architektur in den bzw. über die ehem. Kolonien von Afrika (Deutsch Ost- bzw. Südwestafrika, Kamerun, Togo), Ostasien/China (Tsingtau-Kiautschou) bis Ozeanien (Neuguinea, Samoa) in ihrer globalen Themenbreite weder in der aktuellen Forschung noch im universitären Fach der Architektur- und Kunstgeschichte behandelt werden. Diese Fehlstelle gewinnt umso mehr Brisanz, als überfällige Rassismus-Debatten im Kontext des Globalen Südens und Restitutionsforderungen kolonialzeitlicher Raubkunst heute zwar das öffentliche Interesse erreicht haben, aber nur selten Grundlagenforschung zu kolonialzeitlicher Publizistik selbst mit einschließen.

Das DFG-Projekt an der TU München
Das über das DFG-Heisenberg-Programm gefördertes Forschungsprojekt „Deutsch-koloniale Architektur als globales Bauprojekt um 1900 und als transkulturelles Erbes heute“ hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Fehlstelle zu schließen und die deutsch-koloniale Architektur aus historischer Sicht erstmals in ihrer strukturellen Globalgesamtheit zu konfigurieren. Dabei sollen gleichzeitig jene baulichen Hinterlassenschaften in ihrer heute mehr als hundertjährigen Transformation (1920-2020) über drei Kontinente hinweg und in Rückbindung an Deutschland als transkulturelles Erbe im nach-kolonialen/globalen Raum in den Blick genommen werden. Das Erkenntnisinteresse in Richtung einer globalen Architekturgeschichte gründet dabei in der Beobachtung, dass die Hoch-Zeit des europäischen Nationalismus und Imperialismus um/nach 1900 als eine erste Phase der Globalisierung gelesen werden kann, die uns in all ihren Ambivalenzen und Extremen (von Welt-Handel bis Welt-Krieg I) wichtige Einsichten in unsere eigene und allseits präsente, sog. „Hyper-Globalisierung post-2000“ liefert.

Das Publikations- und Ausstellungprojekt „Deutsch-koloniale Baukulturen“, in Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte München (April 2023)
Mit dem im Juli 2021 erschienenen Themenheft „Globale Räume des deutschen Kolonialismus. Begriffe und Methoden – Case-Studies – Disziplinäre Querverbindungen“ in der vom Zentralinstitut herausgegebenen Kunstchronik - Monatsschrift für Kunstwissenschaft, Museumswesen und Denkmalpflege konnte in einer ersten Zusammenarbeit mit dem TUM-Projekt der Fokus auf Kunst- und Architekturgeschichte bereits methodisch anschlussfähig gemacht werden (Spotlight). Dabei wurde das Disziplinen-Spektrum mit Fachbeiträgen aus den Bereichen der Ethnografie und kuratorischen Praxis, Koloniallinguistik und Sprachpolitik, Religions- und Missionsgeschichte, Infrastruktur- und Globalgeschichte bis in die Cultural Heritage Studies, Museumskunde und Provenienzforschung erweitert (siehe Inhaltsverzeichnis).

Diese Kooperation setzt sich nun fort mit einem kombinierten Buch- und Ausstellungsprojekt: Grundlegende Idee dieses vorliegenden Call for Contributions ist es, die kolonialzeitlichen Primärquellen selbst „in den Blick“ zu nehmen. Dabei ist geplant, die erbetenen Kurzbeiträge im kombinierten Format der Buchpublikation zusammen mit einer Ausstellung in Wert zu setzen:
In der Buch-Publikation fungieren die Beiträge zur Kurzvorstellung von kolonialzeitlich publizierten Primärquellen (Bücher bis Zeitschriften- oder Lexika-Einträge etc.), und zwar mit einem expliziten Fokus auf darin angeführte visuelle Belegstücke mit explizitem Architektur-Bezug: dazu können Pläne, Zeichnungen, Karten, Charts und Detailskizzen bis Fotografien und Werbegrafik etc. gehören. In der Gesamtschau der Kurzbeiträge soll sich daraus das vielgestaltige „Spektrum“ der verschiedenen, parallel wirksamen deutsch-kolonialen Baukulturen im globalen Raum von Afrika über Asien und Ozeanien „abbilden“ lassen.
Die Buchpublikation in der ZI-internen Reihe im Klinger-Verlag wird als eine Art „Ideal-Katalog“ konzipiert und erscheint zu einer im April 2023 geplanten Ausstellung im Lichthof des ZI in München, in der die im Buch behandelten kolonialzeitlichen Publikationen (v.a. die daraus besprochenen Abbildungen) möglichst im Original ausgestellt werden und im vergleichenden Display die global wirksame Themenbreite über vier Kontinente hinweg verdeutlichen.

Zeitlicher Bezugsrahmen: 1880 bis 1920 (erweitert von 1840 bis 1940)
Die Mehrzahl der erwünschten Fallbeispiele zu publizierten Primärquellen sollte sich v.a. auf die Kernzeit des deutschen Kolonialismus beziehen, die sich mit der Spanne der drei bis vier Jahrzehnte von den späten 1880er Jahren bis ca. 1918/20 umreißen lässt. In einem zweiten, erweiterten Radius können auch Fallbeispiele vor und nach dieser Kernzeit vorgeschlagen werden: dabei lassen sich die Jahrzehnte (also ca. 1840-1880) unmittelbar vor dem direkten deutsch-kolonialen Impact als eine Art para- bzw. proto-koloniale Phase thematisieren, in der Publikationen von wissenschaftlichen Expeditionen, religiöser Missionierung, wirtschaftlichen Projekten bis hin zu individuellen Reiseberichten das Terrain bereits ‚absteckten‘ und als kolonisierbar propagierten. Mit den zwei Jahrzehnten (1920 bis 1940) nach dem direkten Kolonialprojekt können die erwünschten Kurzbeiträge auch jene Architektur-bezogenen Publikationen der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus behandeln, die das bereits verlorene Kolonialprojekt wort- und bildgewaltig retrospektiv verteidigten, ja sogar wieder zurückforderten (ein prominentes Beispiel war z.B. Heinrich Schnees „Deutsches Koloniallexikon“ von 1920) und heute als Primärquellen des sog. „Kolonialrevisionismus“ bezeichnet werden.

➢ Geographischer Bezugsrahmen: Afrika – China – Ozeanien… und Deutschland
Die Beiträge sollten mehrheitlich kolonial-zeitliche Publikationen behandeln, die sich mit den deutschen Kolonien von Afrika (Deutsch Ost- bzw. Südwestafrika, Kamerun, Togo) und Ostasien/China (Tsingtau-Kiautschou) bis Ozeanien (Neuguinea, Kaiser-Wilhelmsland, Samoa) beschäftigten. Im gesamtglobalen Zuschnitt über die Kontinente hinweg kann zusätzlich aber auch das Deutsche Kaiserreich auf europäischem Boden selbst in den Reigen der Fallbeispiele treten, wenn die publizistisch behandelten Baukulturen koloniale Relevanz besaßen (z.B. temporäre Ausstellungen bzw. Museumsinstallationen mit ihren architektonischen Kolonial-Displays bis hin zu Kolonialstil-inspirierten Bauten selbst).

➢ Thematischer Bezugsrahmen: Lokale und deutsch-koloniale Baukultur(en)
Zum Themenspektrum der deutschen bzw. deutsch-kolonialen Publikationen gehören hier, erstens, jene über die ‚fremden‘, vor Ort vorgefundenen, oft mit der ambivalenten Denomination des ‚Indigenen, Traditionellen, Primitiven‘ bezeichneten und dann in Wort und Bild dokumentierten Bau-Kulturen in den Gebieten der deutschen Kolonien. Zweiter und in der geplanten Katalog-Publikation zentraler Bezugspunkt ist die ‚eigene‘, deutsch-koloniale Architekturproduktion und Ingenieursbaukunst, und zwar möglichst in allen Maßstäben von Einzelbauten bis Ensembles, von Siedlungs- und Stadtplanung bis zur Entwicklung von Kulturlandschaften und Infrastrukturnetzen (Eisenbahn, Brücken, Häfen etc.). Dabei sollen zunächst die gewählten Bildbeispiele aus der jeweiligen Primärquelle genau analysiert werden. In einem zweiten Schritt lassen sich daraus Aussagen ableiten über die globale Wirksamkeit und Relevanz von kolonialer Bauproduktion und ggf. lokaler Adaption von Bauwissen, von Techniken und Typologien des kolonialen Bauens und letztlich von den darin verwobenen operationalen Begriffen, kulturellen Taxonomien bzw. Vorstellungen von Stil und Repräsentation.

➢ Medialer Bezugsrahmen: Publizierte Primärquellen und ihre visuellen Belegstücke
Angesprochen sind in erster Linie publizierte Primärquellen aus dem direkten Themenfeld der Baukunst- und Architekturgeschichte, aber auch damit verwandte Schriften der architekturbezogenen Ethnographie, Anthropologie, Geographie etc. sind willkommen. Dabei kann das ‚Spektrum‘ der Schriften von Expeditionsberichten, PR-Bildbänden, Reiseführern und Museumskataloge bis zu Architektur-Handbüchern und Beiträgen in technisch-technologischen Fachpublikationen und -journalen zum deutsch-kolonialen Bauen und zur Stadt- und Infrastrukturplanung reichen.

➢ Zeitrahmen und Umfang
Die Deadline für die Einreichung von Vorschlägen für die Katalog-Publikation ist der 15. Dezember 2021. Die finale Auswahl der Vorschläge findet bis Ende 2021 statt. Die Abgabe der Kurzbeiträge selbst ist mit 15. März 2022 erbeten. Die Kurzbeiträge können einen Umfang von max. 5000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) haben und sollen lediglich eine deutsch-kolonial-zeitlich publizierte Primärquelle (zur Erweiterung des Einzugsradius von Zeit und Ort s.o.) behandeln. Im Zentrum der Kurzvorstellung steht a) die Erklärung einer ausgewählten Abbildung mit explizitem Architektur-Bezug (sie wird im Katalog ganzseitig zitiert), mit Aussagen über die Autorenschaft, Machart und Information. Dazu können begleitend max. zwei weitere Referenzabbildungen aus derselben Quelle hinzugezogen werden (sie werden im weiteren Lauftext kleinformatiger zitiert); und b) die Einordnung der visuellen Quelle in den Gesamtzusammenhang der Publikation und deren kolonialzeitlicher Relevanz, Kontext und (Nach)Wirkung. Im Anschluss an den Beitrag selbst wird unter „Weiterführende Literatur“ eine kleine Auswahl an a) weiteren kolonialzeitlichen Primärquellen und b) einigen Sekundärquellen rezenter Forschung über die gewählte Quelle und zum Gesamtzusammenhang der deutschen Kolonialzeit erbeten.

Rückfragen und Zusendung der Vorschläge zu den Katalog-Beiträgen an PD Dr.-Ing. Michael Falser
Email: michael.falser@tum.de