Vortrag // Julia Gelshorn: Einfluss, Übertragung, Ausdünstung: Modelle künstlerischer Wirksamkeit bei Sigmar Polke und seinen Zeitgenossen
Sigmar Polkes künstlerische Entwicklung seit den 1960er Jahren ist häufig als ein Weg von der Ironie zur Alchemie beschrieben worden – eine Entwicklung, in die der subkulturelle Humor aus Polkes anarchischen 1970er Jahren bislang nur schwer einzuordnen schien. Der Vortrag untersucht, inwiefern sich dieser Weg vielmehr als eine kontinuierliche künstlerische Auseinandersetzung mit traditionellen wie zeitgenössischen Modellen künstlerischer Wirksamkeit beschreiben lässt.
Polke hat sich bekanntlich von Beginn an ironisch von künstlerischen Kreativitäts- und epistemischen Einflussmodellen distanziert, zugleich aber – auch schon vor der Hinwendung zur konkreten materiellen Kontamination seiner Werke – eine anhaltende Faszination für die physischen und psychischen Wirkmechanismen von Kunst und Materie gezeigt. Dabei öffnete er sich auch okkulten, alchemistischen oder psychedelischen Praktiken und Theorien, um sich herrschenden Ideologien zu widersetzen.
Ausgehend von Polkes Werken soll diskutiert werden, welche Verhältnisse von Kunst und (Um)Welt sich in den künstlerischen Ansätzen, auch im Vergleich zu denen zeitgenössischer Kollegen wie etwa Dieter Roth oder Gustav Metzger, manifestieren. Welche Modelle von Wirksamkeit werden hier – metaphorisch wie praktisch – vor dem Hintergrund sich wandelnder sozialer, politischer, technologischer und wissenschaftlicher Kontexte durchgespielt? Und lässt sich die von diesen Künstlern erprobte Zusammenführung menschlicher und nichtmenschlicher Agenten als ein Realismus der Kontamination beschreiben, der sich zunächst im Kontext des kybernetischen Paradigmas der Kunst formiert und sich schließlich in der Perspektive einer „allgemeinen Ökologie“ (E. Hörl) reflektiert?

Julia Gelshorn ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart an der Universität Fribourg (CH). Sie promovierte 2003 an der Universität Bern und hatte Doktoranden- und Postdoktorandenstellen an den Universitäten Bern und Zürich sowie am Centre allemand d’histoire de l’art in Paris inne, bevor sie eine Vertretungsprofessur an der HfG Karlsruhe übernahm. 2010 wurde sie Professorin an der Universität Wien und 2012 ordentliche Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg. Ihre Schriften zur modernen und zeitgenössischen Kunst befassen sich mit Strategien der Aneignung und Wiederholung, mit der Analyse von Künstlerschriften und Interviews sowie mit neuen Realismen, dem Verhältnis von Kunst und Politik sowie mit der Metapher des Netzwerks. Darüber hinaus veröffentlichte sie auch zu französischer Kunst und Theorien der „Grazie“ im 18. Jahrhundert. Derzeit leitet sie gemeinsam mit Wolfgang Brückle das SNF-Projekt Real Abstractions. Reconsidering Realism’s Role for the Present.
Gefördert durch die Anna Polke-Stiftung.

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