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Tier-Memoria in der Vormoderne: Adaption, Reflexion und Entwicklung alteritärer Formen des Gedenkens

Das Forschungsprojekt, das auf einer empirischen Erschließung existenter und dokumentierter Tiermemoriale (ca. 1400‒1800) sowie einer Analyse von Bild- und Schriftquellen basiert, untersucht Aspekte der Memoria von Tieren im frühneuzeitlichen Europa [...]
Tier-Memoria in der Vormoderne: Adaption, Reflexion und Entwicklung alteritärer Formen des Gedenkens

Die bedeutende Zahl frühneuzeitlicher Begräbnisfeierlichkeiten und kommemorativer Monumente für Tiere ist bis heute noch nicht systematisch untersucht worden, und damit in Zusammenhang stehende Objekte sind weit davon entfernt, in der kunsthistorischen Forschung zur Funeralskulptur und Denkmälern als Teil des Kanons berücksichtigt zu werden. Ebenso bemerkenswert ist der Umstand, dass die meisten dieser Beispiele aus der Frühen Neuzeit auch von Disziplinen wie der historischen Sozialanthropologie, der Philosophie oder den Kulturwissenschaften weitestgehend ignoriert worden sind, die sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte intensiv mit dem Verhältnis des Menschen zu anderen Lebewesen beschäftigt haben und die dabei den Umgang mit dem Tod eines nichtmenschlichen Individuums als besonders signifikantes Moment erkannt haben, um historische Mensch-Tier-Beziehungen zu erklären.
Das Forschungsprojekt, das auf einer empirischen Erschließung existenter und dokumentierter Tiermemoriale (ca. 1400‒1800) sowie einer Analyse von Bild- und Schriftquellen basiert, untersucht drei Hauptaspekte der Memoria von Tieren im frühneuzeitlichen Europa: Erstens wird der entstehende Katalog den Ausgangspunkt bilden, um die historische Verbreitung derartiger Praktiken zu rekonstruieren und zu kontextualisieren. Dazu zählt das Herausarbeiten von Einzelaspekten wie der Vorbildrolle antiker und außereuropäischer Vorbilder, die Klärung gebauter und sozialer Räume, in denen verstorbener Tiere gedacht wurde, oder die Beantwortung von Fragen der Auftraggeberschaft und der Repräsentation der Tierbesitzer durch die Monumente. Zweitens untersucht das Projekt den diskursiven Hintergrund und die philosophischen, religiösen, juridischen und künstlerischen Diskussionen, die das Begräbnis von und Gedenken an nichtmenschliche Individuen in der Frühen Neuzeit begleiten und prägen. Von besonderem Interesse ist hierbei nicht zuletzt die Vorbereitung von Ideen, die mit der europäischen Aufklärung weite Verbreitung finden: Eine These des Vorhabens lautet, dass sich wichtige aufklärerische Konzepte durch das Aufgreifen antiker und scholastischer Vorstellungen entwickelten, die jedoch nur durch das Scharnier der frühneuzeitlichen Überlieferung und Interpretation rezipiert wurden. Zuletzt ist ein wichtiges Ziel des Projekts der Nachweis, dass sich die kommemorative Praxis aufgrund der Alterität des Tiers und fehlender normativer Vorgaben keineswegs in der Imitation von Modellen erschöpft, die sich im Bereich der Human-Memoria etabliert hatten. Vielmehr erlaubte gerade der Bereich der Tier-Memoria den Auftraggebern und Künstlern, differente Zugänge und eigenwillige Modi des Gedenkens experimentell auszuprobieren. Auf diese Weise wurden in der Vormoderne alternative Konzepte und Formen entwickelt, die das Thema des Todes und der Vergänglichkeit auf eine grundlegende Weise neu reflektieren, wodurch der Bereich der Tier-Memoria eine nachhaltige Wirkung auf die generelle Geschichte kommemorativer Monumente, Denkmäler und Grabskulpturen entfaltete.

[Bartolommeo Ammannati und Werkstatt, Memorial für ein Maultier, 1575/76. Florenz, Palazzo Pitti, Innenhof (Foto: F. Jonietz)]

Laufzeit

1. Januar 2021-31. Mai 2024 (unterbrochen vom 1.4.-31.8.2021)

Förderer

 

Team