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Carolin Groll: „Erdachte Antike - erforschte Antike. Die Zeichnungen Martin von Wagners zwischen Kunst und Archäologie“

Die Antike aus allen Blickwinkeln zu erfassen, zu imaginieren und zu erforschen – das scheint das Lebensthema Martin von Wagners (1777–1858) gewesen zu sein. Wagner ist in erster Linie als Kunstberater für den Kronprinzen und späteren König Ludwig I. von Bayern bekannt, für den er bedeutende antike Skulpturen in Rom erwarb. Doch war er gleichermaßen Maler, Bildhauer, Archäologe, Antiquar und Sammler – eine Vielseitigkeit, die bislang wenig erforscht ist, ebenso wie seine zeichnerische Tätigkeit, die ihn bis an sein Lebensende begleitete und tiefe Einblicke in stilistische Entwicklung, Werkprozesse und vor allem seine spezifische Antikenrezeption bietet. Denn der Großteil der eigenhändigen 3.300 Zeichnungen, die Wagner zusammen mit seiner Kunstsammlung und seinem schriftlichen Nachlass 1857 der Universität Würzburg stiftete (heute im dortigen Martin von Wagner Museum), zeigt antike Sujets.
Nach seiner künstlerischen Ausbildung in Würzburg, Wien und Paris ließ sich Wagner in seiner Wahlheimat Rom und auf einer Griechenlandreise nicht mehr nur von rein ästhetischen Maximen leiten, sondern nahm die Antike bald auch archäologisch in den Blick: Er verfasste eigene altertumswissenschaftliche Schriften und Manuskripte, in die das umfängliche Wissen zur Kunst- und Kulturgeschichte der Antike einfloss, das er sich durch Anschauung von Originalen und Lektüre antiker Autoren erwarb.
Das Schaffen Wagners zeichnet sich durch ein Zusammenspiel von Künstlerschaft und Wissenschaft aus, nahm er in Rom doch sowohl eine zentrale Position innerhalb der deutschen Künstler als auch im archäologischen Gelehrtenkreis ein. In seinen zeichnerischen Schöpfungen, insbesondere den fast 700 Zeichnungen zu Homers Ilias, kommt es daher stets zu Wechselwirkungen zwischen künstlerischer Imagination, klassisch inspirierter Nachahmung und philologisch-archäologischem Wissen. Mit einer herausragenden Quellenlage steht Martin von Wagner beispielhaft für das Phänomen der ‚Künstler-Archäologen‘, das symptomatisch für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts ist, als Kunst und Wissenschaft noch um den ‚richtigen‘ Umgang mit der Antike ringen. Ziel der interdisziplinär angelegen Dissertation ist es, das Verhältnis zwischen der künstlerischen Rezeption der Antike in der Nachfolge des Klassizismus und deren wissenschaftlicher Erforschung zu ergründen. Einerseits sollen Wagners Zeichnungen antiker Originale sowie seine Eigenkompositionen zu antiken Stoffen analysiert, andererseits ausgewählte Manuskripte seines schriftlichen Nachlasses ausgewertet werden. Wagners multiperspektivische Sicht auf die Antike soll zudem in Bezug auf sein Selbstverständnis befragt und ideengeschichtlich zwischen Klassizismus, Historismus und institutioneller Archäologie eingeordnet werden.
[Abbildung: Martin von Wagner, Athena mahnt Diomedes zur Rückkehr (Szene aus Homers Ilias, 10. Gesang), um 1840/50, Feder und Bleistift auf Papier, 21,5 x 35,7 cm, Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg, Inv. Hz 2942 | © Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg]

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