Tran: Natürlich über Kunst sprechen. Die Formierung der ‚Wissenschaftssprache‘ in der französischen Kunstliteratur und Naturkunde des 18. Jahrhunderts

Als Denis Diderot in seinem Artikel zur Kunst in der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers (1751–76) die Sprache dieser kritisierte, markierte er damit einen Kulminationspunkt innerhalb eines längeren Prozesses, in dem sich das Sprechen über Kunst neu zu formen suchte. Eine Öffnung des Diskurses für die bürgerliche Öffentlichkeit und eine Hinwendung zum Sensualismus lösten in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Vielstimmigkeit aus, die bezeugt, dass die vorherrschenden Sprech- und Schreibweisen nicht mehr als adäquat empfunden wurden. Diderot, der in den Zeilen über die Sprache der Kunst (De la langue des Arts) auf den Missstand aufmerksam machte, schlug vor, eine angemessene Sprache für die Kunst in den Maßen der Natur zu suchen. Bezeichnenderweise bemühte man sich zur gleichen Zeit auch in der Naturkunde und der Naturgeschichte um eine neue und geeignete Sprache. So nahm sich beispielsweise Noël-Antoine Pluche in seinem Le spectacle de la nature (1732–1750) vor, seine Leser in Staunen zu versetzen, um vor der göttlichen Schöpfung in Kontemplation innezuhalten. Wie auch Diderot setzte er dabei auf den Erkenntniswert der sinnlichen Erfahrung und betonte den Anteil, den der Körper daran hat.

Während sich die bisherige Forschung den Brückenschlägen zur Philosophie oder Literatur widmete, die ohne Zweifel als Wirkungsinstanzen bei der Formierung des Kunstdiskurses im Frankreich des 18. Jahrhunderts anzusehen sind, wurde die Reziprozität zwischen der Kunstliteratur und der Naturkunde bisher weitgehend außer Acht gelassen. Dabei ist dieses scheinbar weit entfernte Fachgebiet näher am Kunstdiskurs anzusiedeln als man aus heutiger Sicht vermuten mag. So liegt diese Verwicklung bereits in den ‚Räumen‘ wie den Kunst- und Naturkabinetten begründet, die im 18.

Jahrhundert in nächster Nähe zueinander oder in ein und derselben Sammlung verortet waren. Schon hier lässt sich fragen, ob Besucher für die Artefakte der unterschiedlichen Wissensbereiche die gleichen Sprachmodi verwendeten.

Das Projekt möchte dieser Reziprozität in der Entwicklung der beiden ‚Wissenschaftssprachen‘ nachgehen. Der Fokus gilt dabei vor allem den sprachlichen Ausdrucksweisen zweier Felder, die sich im Frankreich des 18. Jahrhunderts ausdifferenzierten. Ausgehend von der Hinwendung zum Sensualismus und der sinnlichen Erfahrung, vor allem des Sehsinns, stellt sich die Frage, ob rhetorische Strategien des Visualisierens in den Schriften der Kunstliteratur und der Naturkunde zum Einsatz kamen, welcher Art diese waren und inwieweit diese in einer direkten Verknüpfung zu neuen Erfahrungen des Sehens stehen.

Projektmitarbeiter ZI