Vortrag: Hartmut Böhme

Termindetails

Wann

11.12.2019
von 18:30 bis 20:00

Art

Vortragsreihe

Wo

Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Vortragsraum 242, II. OG, Katharina-von-Bora-Straße 10, 80333 München

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Der Niedergang naturästhetischer Evidenz, oder: Über die Unvermeidlichkeit der Natur in den Künsten

 

Der Vortrag geht davon aus, dass Natur heute für weite Teile der Wissenschaft und Gesellschaft keine ontologische Evidenz mehr aufweist. Natur werde von menschlichen Praktiken konstruiert, modelliert und produziert. Darum sei der Dualismus von Natur und Kultur aufgelöst und überflüssig. Besonders sei die ‚Natur im Singular’ antiquiert, weil unterdessen unabweisbar sei, dass die vielen Kulturen der Welt höchst heterogene Naturvorstellungen entwickelt hätten, die nicht mehr zu vereinheitlichen sind. Es ist indes charakteristisch, dass dieselben Wissenschaftler, die solche Auffassungen vertreten, ihrerseits von einer Agency nichtmenschlicher Agenten sprechen, also Tieren, Pflanzen, Dingen, Artefakten, Maschinen, aber auch makrostrukturellen Systemdynamiken wie dem Klima oder der Evolution eine von Menschen unabhängige Handlungsmacht einräumen, ohne dass dabei ein intentionalistischer Handlungsbegriff vorausgesetzt würde. Makrosystemisch wird diese Agency öfters auch als ‚Gaia’ bezeichnet. Ist das aber etwas anderes als das verabschiedete Ganze der Natur?

Von solchen Überlegungen ausgehend werde ich zeigen, dass trotz des historisch notwendigen Antinaturalismus die Natur in den Künsten niemals aufgegeben wurde, ja in den letzten Jahrzehnten, durchaus im

Anschluss an theoretische Traditionen der Naturästhetik, sogar an Gewicht gewonnen hat. Gegenüber einem technosozialen Konstruktivismus wird der zweiten Hauptachse der Naturdarstellung, nämlich der bedeutungs- und beziehungserzeugenden Achse sowohl in der Vergegenwärtigung wie in der Darstellung und Rezeption der Natur in den Künsten wachsende Bedeutung  zugeschrieben – nicht zuletzt in Folge der ökologischen und klimatischen Krisen und Katastrophen, die auf eine rigorose technische Unterwerfung und Vernutzung von Natur zurückzuführen sind. Die Künste vertreten nicht nur sich selbst (was ihr gutes Recht ist), sondern sie werden zu Partnern in weltweiten naturpolitischen Bewegungen. 

 

Parallel zu dem Vortrag beginnt die Ausstellung Hans Haacke mit einer Kurzeinführung von Ursula Ströbele im Vorfeld des Vortrags.

 

//  Der Vortrag ist Teil der im Herbst 2019 am Zentralinstitut für Kunstgeschichte beginnenden Vortragsreihe Kunst, Natur, Politik: Jetzt //

 

 

Prof. Dr. Hartmut Böhme
1977-92 Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Universität Hamburg; 1993-2012 Professor für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin; Sprecher des SFB „Transformationen der Antike“ (2005-12); Träger des Meyer-Struckmann-Preises 2006 und des Hans-Kilian-Preises 2011. Letzte Buchveröffentlichungen u.a.: Aussichten der Natur, 2016. – Natur und Figur. Goethe im Kontext, 2016. – (mit B. Slominski, B. Kordaß Hg.): Das Dentale. Faszination des oralen Systems in Wissenschaft und Kultur, 2015. – (mit U.C.A. Stephan, W. Röcke): Contingentia. Transformationen des Zufalls, 2015. – Der anatomische Akt. Zur Bildgeschichte und Psychohistorie der frühneuzeitlichen Anatomie, 2012. – (Hg.): Transformation: Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels, 2011. – (mit C. Benthien, I. Stephan Hg.): Sigmund Freud und die Antike, 2011. – (mit N. Adamowsky, R. Felfe Hg.): Ludi Naturae. Spiele der Natur in Kunst und Wissenschaft, 2010.