Schröder: Die Beinsättel des 15. Jahrhunderts (Arbeitstitel)

„Sie saß uff eim wißen pferd das was schon und so wol gemacht das es nit schoner wesen mocht daran was ein zaum gancz wiß von silber. Der sattel und das fúrbúg und die stegereiff waren von wißem helffenbeyn sere behendeclichen geschnitten und gegraben mit cleynen bildlin mit jungfrauwen und mit rittern.“ (Mittelrhein, um 1470, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 147, f. 29v)

Mit diesen Worten wird in dem spätmittelalterlichen Prosa-Lancelot das Sattelzeug der Frau von Lack dargestellt. Die prachtvolle Ausstattung des Reitsitzes lässt eher an eine Fiktion des Dichters und weniger an eine mit der damaligen Sachkultur verknüpfte Beschreibung denken. Analog zu dem Sattel in der Dichtung sind jedoch Sättel und Sattelfragmente erhalten, die flächendeckende Auflagen aus Bein mit detailreichen Schnitzereien aufweisen.

Die Mehrzahl der sogenannten Beinsättel wird in das 15. Jahrhundert datiert. Zwei Sättel in Kopenhagen stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Zwei Sattelfragmente in Paris sind im 13. und 14. Jahrhundert entstanden und stellen die frühesten materiellen Zeugnisse für die Existenz von mit Bein verzierten Sätteln dar.  Die Beinsättel und Sattelfragmente sind trotz ihres aufwendigen und vielgestaltigen Dekors innerhalb der europäischen Kunstgeschichte bislang weitgehend unbeachtet geblieben. Eine maßgebliche Bedeutung bei der Entstehung und Entfaltung der Werkgruppe wurde bislang dem Hof des Kaisers Sigismund von Luxemburg (1368-1437) in Ofen (Buda) zugeschrieben. Als Mitgliedsgeschenke des vom Kaiser 1408 gegründeten Drachenordens könnten die Beinsättel an eine auserwählte aristokratische Elite Europas gelangt sein. Historische Belege sowie Motiv- und Stilanalysen an den Beinsätteln können die These jedoch nicht bestätigen.

Vor diesem Hintergrund bedarf es einer umfassenden Forschungsarbeit, die grundlegende Quellenforschung betreibt und sich den Beinsätteln in ihrer materiellen Bedingtheit und Ausformung zuwendet. Ausgehend von dem Befund, dass die Beinsättel im 15. Jahrhundert eine Blütezeit erlebten, nimmt sich dieses Dissertationsvorhaben der Aufgabe an und fragt nach der Bedeutung, Verbreitung und den Eignern der Prunkobjekte in ihrer Entstehungszeit. Hierbei zielt die Dissertation darauf ab, die Beinsättel als kulturelles Zeitphänomen zu beschreiben und auf diese Weise einen entscheidenden Beitrag zu den wechselseitigen Beziehungen der Höfe Mittel- und Ostmitteleuropas im Spätmittelalter zu leisten.

Mit den Beinsätteln gerät eine neue Form des kulturellen Austausches ins Zentrum der Betrachtungen, die neue Erkenntnisse zur höfischen Gemeinschaftsbildung erwarten lassen. Ferner werden mit der Dissertation Reitzeuge in den Horizont der Kunstgeschichte gerückt. Obgleich diese Objektgruppe zum Teil sehr kostbar und aufwendig ausgestaltet ist und damit unzweifelhaft Relevanz genoss, fand sie bisher wenig Aufmerksamkeit. Zugleich wird durch geplante Motiv- und Stilanalysen an den Beinauflagen der Sättel die Dissertation eine Bereicherung für die in den letzten Jahren erstarkende Forschung zu gotischen Elfenbeinen darstellen und neue wissenschaftliche Impulse setzen.

Projektmitarbeiter ZI

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