XXIV. Frühjahrsakademie für Kunstgeschichte // Relektüren, (Re)Emergenzen, Appropriationen: Was tun mit der Kunst der Vergangenheit?
Termindetails
Wann
26.06.2026 um 00:00
Wo
Die Frühjahrsakademie des Internationalen Netzwerks für Kunstgeschichte (https://www.proartibus.org/) bietet fortgeschrittenen Studierenden und Promovenden, Ihre Forschungen im Kreis eines internationalen Teams von Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern sowie Forscherinnen und Forschern benachbarter Fächer vorzustellen. Von Seiten des Zentralinstituts für Kunstgeschichte beteiligen sich als Mitglieder an diesem Netzwerk Dominik Brabant und Iris Lauterbach (seit 2025 im Ruhestand).
PROGRAMM:
Das Programm wird auf https://www.proartibus.org/ecoles-de-printemps bekannt gegeben.
THEMA:
Kunst entsteht in der Gegenwart, blickt aber immer auf ihre Vergangenheit zurück. Sie kann sich subtil auf diese beziehen, mehr oder weniger versteckte Anspielungen oder Wiederholungen machen oder offen Elemente aus bestehenden Kunstwerken zitieren. Die Beziehung zwischen Kunst und Vergangenheit ist niemals linear, und ihre Temporalitäten sind plural und komplex.
Für die „westliche“ Kunst ist die Renaissance gewiss das Sinnbild (oder sogar die Apotheose) einer Kunst, die auf eine in weiten Teilen imaginierte Vergangenheit zurückblickt und sie nachbildet, um letztlich etwas Neues zu schaffen. Die Renaissance ist untrennbar mit der Erfindung eines Mittelalters verbunden, dessen Kunst zunächst verunglimpft wurde, um dann ab dem Ende des 18. Jahrhunderts Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, ästhetischer Faszination und sogar ideologischer Aneignung zu werden.
Alle Epochen der Kunstgeschichte verhalten sich ausnahmslos zu oft kanonisch gewordenen Formen, Symbolen und Figuren, die sie geerbt haben – ein Erbe, das ebenso wie der Kanon eine konstruierte und erfundene Tradition ist. Die Renaissance selbst wurde ebenfalls schon oft „wiederbelebt“, wie die Ausstellung Michelangelo/Rodin im Louvre im Frühjahr zeigt.
Diese Wiederaneignungen können bewusst und programmatisch erfolgen oder scheinen – wie in Warburgs Pathosformeln – unabhängig von der Intention der Künstler:innen zu entstehen. In einigen Fällen beinhalten sie eine Verdinglichung der Vergangenheit, beispielsweise durch Bewegungen, die mit der Vorsilbe „Neo“ den gezielten Rückgriff auf Vorangegangenes signalisieren (wie der Neoklassizismus, die vielfältigen Neoavantgarden und das Phänomen des „Camp“), in anderen Fällen handelt es sich um einen – oft zum Scheitern verurteilten – Versuch, die Vergangenheit verschwinden zu lassen. Die Moderne und die Avantgarden des 20. Jahrhunderts präsentierten sich häufig als Neuanfang, der auf eine Tabula rasa folgt.
Einige Künstler:innen versuchen, den Kanon, sei er westlich oder nicht-westlich, in Frage zu stellen und durch die Wiederaneignung von Artefakten aus der Vergangenheit eine kritische Auseinandersetzung zu eröffnen. Beispiele hierfür sind unter anderem das Verfahren des „painting back“ von Kehinde Wiley und Kent Monkman; zu denken ist aber auch an Künstler:innen, die den Kanon queeren, die durch eine Neuinterpretation die Konstruktion von Geschlecht hinterfragen, sowie diejenigen, die Ökokritik praktizieren.
Die Kunstgeschichte befasst sich mit der Vergangenheit (manchmal auch der jüngsten), wird jedoch immer in der Gegenwart betrieben. Die Geschichtsschreibung untersucht daher vergangene Kunstbegriffe und Kunstgeschichten in einem Kontext, der sich verändert hat, und setzt sich kritisch mit der Art und Weise auseinander, wie künstlerische Entwicklungen erzählt und die Vergangenheit konstruiert werden. So sind die Schriften von Kunsthistoriker:innen ebenso wie die Kunstwerke selbst Orte, an denen die Vergangenheit immer wieder neu entsteht, wiederkehrt und unausgesetzt neu interpretiert wird. Wie die Kunst selbst sind sie Ausdruck einer notwendigerweise komplexen, niemals linearen Zeitlichkeit und der Begegnung vielfältiger Subjektivitäten und Ideologien.
Kunstgeschichte ist immer, notwendigerweise, anachronistisch, selektiv und interessegeleitet (im besten Sinne des Wortes). Dasselbe gilt auch für die Restaurierung von Werken, die neue Elemente oder Bedeutungen hervorbringt, ebenso wie für die Ausstellungs- und Museumspraxis, die sich ständig weiterentwickelt, wie sowohl die neue Definition des Museums zeigt, die vom ICOM formuliert und 2022 veröffentlicht wurde, als auch die Neuinterpretationen, die vor und nach dem „curatorial turn“ von Museen und anderen Ausstellungsorten vorgeschlagen wurden. Beispielhaft dafür stehen die Biennale Re:Vision am Courtauld Institute in London, die sich dieses Jahr mit diesem Thema befasst, oder verschiedene Neuhängungen und veränderte Rundgänge durch Dauerausstellungen, die sonst vernachlässigte Themen sichtbar machen (z. B. 100 oeuvres qui racontent le climat im Musée d’Orsay oder Women of the Rijksmuseum in Amsterdam).
Dieser Dialog zwischen verschiedenen Epochen, der sowohl im Zentrum des künstlerischen Schaffens als auch der Erzählung der Disziplin Kunstgeschichte steht, wird Thema der École de Printemps 2026 sein. Die Vorschläge für Vorträge können Fallstudien präsentieren, in denen ein Werk oder eine Werkgruppe frühere Bilder, Objekte oder Denkmäler zitiert, wiederholt, übernimmt oder neu adaptiert.
In den Vorträgen können außerdem historiografische Neuinterpretationen analysiert werden, indem sie diese als transhistorische Interventionen und Wiederaneignungen betrachten – sei es in textueller, visueller oder musealer Form.
Organisation: Aurélie Petiot, Itay Sapir und Isabel Valverde
Koordination: Valentin Bec