Julian Volz // Das Wandbild in der alternativen Moderne Nordafrikas
Das Forschungsprojekt untersucht Wandbilder in Nordafrika, die im Zeitraum von ca. 1930 bis in die 1970er Jahre entstanden sind. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das Wandbild es Künstler*innen in Algerien, Ägypten, Marokko und Tunesien ermöglichte, zentrale Paradigmen der westlichen Moderne transgressiv zu überschreiten. In Wandbildern zeigt sich, so die These, der Charakter einer transkulturell verflochtenen Moderne (Kravagna 2017) in Nordafrika als Gegenprojekt zur westlichen Moderne, das über die reine Adaption einer modernen Formensprache an lokale Kontexte hinausgeht, besonders deutlich.
Die Hinwendung zu diesem in der Kunst der westlichen Moderne eher vernachlässigten Medium speiste sich oftmals aus dem Umstand, dass die Infrastrukturen eines Ausstellungssystems mit Museen, Ausstellungshäusern und Galerien in den genannten Ländern vielerorts noch wenig ausgebaut waren. Dementsprechend war der Besuch von Ausstellungen, der eng mit der Entwicklung der bürgerlichen Kunstautonomie verbunden ist, oftmals nur eingeschränkt Teil der lokalen kulturellen Praxis. Mit der Hinwendung zum Wandbild im öffentlichen Raum verbanden die nordafrikanischen Künstler*innen häufig das Anliegen, die Bevölkerung nicht nur mit dieser Form der Bildpraxis vertraut zu machen, sondern auch soziale Fragen anhand der Wandkunst zu verhandeln. Neben der stärkeren Interaktion des Wandbilds mit anderen Bereichen der Gesellschaft sollte dieses auch der Kommodifizierung der Kunst entgegenwirken und durch kollektive Projekte die Stellung des autonomen Einzelkünstlers unterlaufen. Vor diesem Hintergrund wird die Wandkunst in meinem Projekt als eine relationale und kollektivitätsstiftende Praxis verstanden. Die Leitfrage der geplanten Studie ist daher, welche unterschiedlichen künstlerischen Strategien mit der Wandkunstpraxis verfolgt wurden und wie durch diese eine alternative Verortung der Kunst im gesellschaftlichen Feld möglich wurde.
Dieser Frage soll anhand von vier komplementären Fallstudienpaaren nachgegangen werden, die jeweils aus einem nordafrikanischen und einem außernordafrikanischen Wandbild bestehen. Dabei wird ein breiter Begriff des Wandbilds angelegt, der nicht nur Bilder umfasst, die direkt auf die Wand aufgetragen sind, sondern auch andere künstlerische Arbeiten in Wandgröße.
[Abbildung: Algerische Künstler vor einem von ihnen geschaffenen Wandbild für die Agrarkooperative von Staouéli. Théâtre National d'Alger, 1976 ©Privatarchiv Denis Martinez]