Benutzerspezifische Werkzeuge

Sie sind hier: Startseite / Forschung / Projekte / Projekte ZI / Munich Repro. Geschichte der Kunstreproduktion in München

Munich Repro. Geschichte der Kunstreproduktion in München

München gilt im 19. Jahrhundert als „Stadt der Künste“. Berühmt für seine Malerfürsten, seine Akademie und seine Museen, konnte es eine Anziehungskraft entwickeln, die mit Wien, Dresden, Berlin und teils sogar Paris konkurrieren konnte. Doch jenseits der Ateliers und Galerien entwickelte sich hier zugleich ein europaweit einzigartiges Zentrum der Kunst-reproduktion: ein Ort, an dem sich Kunst und Technik, Handwerk und Industrie auf neue Weise verbanden. Lange Zeit im Kontext der Kunstentwicklung geringgeschätzt, ja ausgegrenzt, sehen wir im Gebiet der Reproduktionen und Kopien von Kunst ein fundamentales kulturelles und kulturgeschichtliches Element, das auch einen neuen Blick auf die Kunstgeschichte erlaubt.

Die Geschichte der Kunstreproduktion ist auf das engste mit der generellen Entwicklung von Reproduktionsverfahren verwoben. Mit der Erfindung der Lithographie durch Alois Senefelder als revolutionärem Druckverfahren nahm in München um 1800 ein folgenreicher medialer Umbruch seinen Anfang. Von hier aus entwickelte sich die Stadt im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem zentralen Labor der Abbildungs- und Vervielfältigungstechniken. Dazu zählten unter anderem fotografische Verfahren, die sich zwischen 1837 und dem frühen 20. Jahrhundert auf der Basis optischer und chemischer Neuerungen herausbildeten (u.a. Franz von Kobell, Carl August von Steinheil, Albert und Eugen Albert, Fritz Schwartz), ebenso wie der Farblichtdruck oder die von Georg Meisenbach hervorgebrachte Autotypie als bahnbrechendes Rasterdruckverfahren um 1880. Die neuen Drucktechniken und photomechanischen Vervielfältigungsverfahren erlaubten erstmals eine massenhafte, zugleich detailgetreue Verbreitung von Bildern, wirkte sich auf die Methoden und den Kanon des Fachs aus, machte Kunst breiteren Schichten zugänglich und im Handformat erschwinglich.

Verlage wie Hanfstaengl oder Bruckmann, die Aufnahmen von Kunstwerken aus den bekanntesten europäischen Museen anfertigten, verbanden technische Innovation mit handwerklicher Kennerschaft: Sie produzierten hochwertige Reproduktionen und aufwendig gestaltete Kunstbücher von Gemälden alter Meister, aber ebenso zeitgenössischer Künstler, und arbeiteten dafür eng mit Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern zusammen.

Die Produktpalette war umfangreich, umfasste Mappen- und Lieferungswerke, Kalender oder Sammelkarten. So entstanden in München früh Formen der Kunstvermarktung, in dem Original und Reproduktion, Atelier und Verlag, Künstler und Publikum in ein neues Verhältnis traten. Von Anfang waren damit auch internationale Ambitionen verbunden: München wollte mit seiner kulturellen Standortpolitik in die Welt strahlen. Verlage wie Piper, Callwey und Prestel setzten diese Entwicklungen mit der künstlerischen Moderne des frühen 20. Jahrhundert fort.

München war damit nicht nur Stadt der Kunst, sondern Stadt der Vervielfältigung, der Bildzirkulation und der Medientechnologien. Damit aufgerufen sind Schnittmengen aus Kunstgeschichte, Technikgeschichte und Mediengeschichte, die auch für die kunsthistorische Forschung neue Impulse setzen können. Die Kunstgeschichte, wie auch ihre Bilder und Objekte, möchten wir daher radikal von der Reproduktion her denken.

Daraus ergeben sich unter anderem folgende Fragestellungen:

Wie entfaltete sich das Reproduktionswesen in München im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert? Wie war es organisiert, wo in der Stadt angesiedelt, welche Infrastrukturen wurden aufgebaut und welche neuen Berufs- und Ausbildungszweige (gerade auch für Frauen) entstanden durch die “Bilderindustrie”? In der Verfolgung dieser Fragestellung ließe sich neben den materialen reproduktiven Erzeugnissen selbst auch die Orte ihrer Entstehung zu kartieren und die dort Tätigen zu Wort kommen bzw. ihre Berufsbilder wieder sichtbar werden zu lassen.

Welche Aussagen lassen sich aus einer kritischen Befragung der historischen Selbstdarstellung der Stadt gewinnen? Ein Zugang eröffnet sich z.B. über die Analyse des ikonografischen Bedeutungssinns von fotografischem Werbematerial in München. Die Bildsprache etwa von Reklamemarken und Etiketten verweist dabei auf ein ausgeprägtes programmatisches Selbstverständnis der Stadt, durch das auch das konkurrierende Verhältnis der Künste Malerei und Fotografie neu befragt werden kann.

Welche Formen der Zusammenarbeit entstehen zwischen dem Reproduktionssektor und den Künstlerinnen und Künstlern in der Stadt? Wann wurde künstlerisches Schaffen auch historisch von der Reproduktion gedacht, indem etwa Gemälde primär als Vorlage zu ihrer Vervielfältigung entstanden? Diese Perspektive erlaubt, die Künste als situiert in den konkreten ökonomischen Zusammenhängen in München unter veränderten Vorzeichen in den Blick zu nehmen.

Und nicht zuletzt: Welche Auswirkungen hatte die Bildreproduktion für die populäre Rezeption von Kunst, für die Kunstgeschichte und ihre Wissenschaftsgeschichte? Welche Rolle spielten Reproduktionen von Kunstwerken bei der künstlerischen und kunsthistorischen Ausbildung, welche für München spezifischen Materialien und Praktiken waren im Einsatz? Bildreproduktionen im Kontext wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Diskurse ins Zentrum zu rücken, bedeutet auch, sich der Produktion und Distribution kunsthistorischen Wissens auf anderen Wegen zu nähern als über die Namen etablierter Autoren und ihrer Ideen.

[Abbildung: Etikett für Repro-Platten, Kranseder & Cie, München, um 1920, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Photothek/Sammlungen, Glasdiasammlung]

 

Projektdauer

Seit Januar 2026

Team