Mikrokosmos Villa Hadriana. Ein ›künstlerischer Interaktionsraum‹ im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts

Projektbeschreibung

Bei der von Kaiser Hadrian (76-138) zwischen 117 und 138 n. Chr. als Sommerresidenz, Regierungs- und Alterssitz realisierten Anlage bei Tivoli (30 Kilometer nordöstlich von Rom) handelt es sich um den größten erhaltenen Baukomplex der Antike außerhalb eines urbanen Zentrums und, wie es scheint, zugleich um einen lebendigen Mikrokosmos des römischen Reiches. Die Villa folgt einem einheitlichen Entwurf und gilt im Hinblick auf die Größe des bebauten Areals mit etwa 60 Gebäuden als die größte Baugruppe zwischen der griechischen Kolonisation der italienischen Halbinsel (8.–6. Jh. v. Chr.) und dem 19. Jahrhundert. Die bekannte Ausdehnung der Villa beträgt 120 Hektar und übersteigt damit die Fläche des spätantiken Mailand, der Hauptstadt des römischen Kaiserreichs im 4. Jahrhundert, bzw. entspricht in etwa zweimal der Größe von Pompeji. 1999 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt, übt diese bemerkenswerte Anlage seit Jahrhunderten einen außerordentlichen Reiz auf Künstler und Kunsthändler, Bauherren, Schriftsteller, Touristen, Architekten und Archäologen aus.

Mein Forschungsvorhaben untersucht einige, von den rein archäologischen Ansätzen abweichende, Perspektiven über die vielseitige, v.a. künstlerische Rezeption der Villa Hadriana in der Frühen Neuzeit in Europa. Die Arbeit gilt zwei grundlegenden Aspekten:
-    Zum einen soll die bis heute noch nicht erschlossene Bedeutung der Villa Hadriana als ‚antiker Mikrokosmos‘ bzw. ‚globalisierendes Gebiet‘, als ‚dynamische Kontaktzone‘ bzw. ‚künstlerischer Interaktionsraum‘ herausgearbeitet werden. Mit meinem Projekt versuche ich die einseitige Reduktion des Kulturtransfers auf eine bloße Übernahme von Kunstwerken und Bauideen zu erweitern. Ich möchte zeigen, dass an der Stätte einer antiken idealen Kultur ein gemeinsamer Erfahrungs- und Interaktionsraum entstand, der als europäische Verständigungsbasis fungierte und zur Horizonterweiterung der Akteure sowie zur Ausbildung individueller und nationaler Vorstellungen beitrug.
Die Ruinen der Villenanlage dürften als dynamische Kontaktzone fungiert haben, in der ein kulturen- und länderübergreifender Transfer von Ideen und Formen stattfand, der in den aufnehmenden Ländern zur Identitätsfindung und zu einer verstärkten Ausbildung eines nationalen Bewusstseins bei den Beteiligten beigetragen haben könnte. Dabei konzentriere ich mich geographisch auf Europa als Wirkungsraum und zeitlich auf das 18. und 19. Jahrhundert. Es ist bemerkenswert – so lautet die noch zu präzisierende These –, dass Vertreter verschiedener Länder in Bezug auf die Villa Hadriana eine Art ›nationaler‹ Annäherung vollzogen
-    Zum anderen soll Rezeption, Präsentation und Bedeutungswandlung der mobilen Dekorationsteile (Skulpturen, Dekorationen und Bauornamentik) der Villenanlage als ‚disiecta membra‘ bei ihrer ›Rekontextualisierung‹ in Privatsammlungen und Museen an ausgewählten Beispielen untersucht werden. Die Villa Hadriana rief mit ihren Mythen und mit dem Fortleben der griechischen und ägyptischen Zivilisation in Teilen ihrer Architektur, in Skulpturen sowie in den dargestellten Themen im Laufe der Jahrhunderte unterschiedliche Reaktionen hervor. Sie regte europaweit lebhafte intellektuelle Debatten bezüglich des ›klassischen‹ Kulturpotenzials an und führte zu einer wissenschaftsgeschichtlichen Verarbeitung, in der die Anlage – z. B. im Rahmen von didaktischen Unterweisungen in den Akademien – berücksichtigt wurde.

Bei den unterschiedlichen Aufgabenbereichen geht es hier vordergründig um eine Fokussierung auf die Rezipientengruppen der Künstler, Architekten und Zeichner. Mit ihren Aufnahmen wurden Darstellungen und Vorstellungen, Befunde und Eindrücke, Aspekte und Auffassungen der Villa Hadriana überliefert, die u.a. folgende Fragen aufwerfen: Welche Anregungen, Assoziationen und Wirkungen gingen von ihr aus, und wie wurden diese zu Hause umgesetzt? Welche Botschaften wurden bei der Adaption entnommener Dekorationsteile in neue Umgebungen übertragen und verarbeitet? Im Hinblick auf die Vorstellung von Kulturnation  und nationaler Identität ist zu untersuchen, wie sich dieses im 18. Jahrhundert entstehende Phänomen weiterentwickelte.

Laufzeit

DFG-Projekt: April 2017-März 2020

Ansprechpartner / Kontakt

Dr. Cristina Ruggero
E-Mail:

Projektmitarbeiter ZI

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Veranstaltungen

Verabschiedung von Prof. Dr. Wolf Tegethoff
13.12.2017 18:15 - 20:30
Workshop Naomi Vogt
14.12.2017 14:00 - 15:00
Vortrag Klaus Heinrich Kohrs
10.01.2018 18:15 - 19:30
Vortrag Salvatore Pisani
17.01.2018 18:15 - 19:30
Vortrag Iris Lauterbach
24.01.2018 18:15 - 19:30
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